Die Yungas und die Höllenfahrt, Bolivien

Als Yungas bezeichnet man das Übergangsgebiet vom tropischen Amazonasbecken zum Altiplano. Auch wir hatten erstmal genug von der Kälte und es zog uns in den Urwald. Die Fahrt in die Yungas ist eine der spektaktulärsten in ganz Amerika, vielleicht sogar der ganzen Welt. Man fährt von La Paz (3800 Meter) auf den La Cumbre Pass (4700 Meter) und dann geht es nur noch abwärts in das Amazonasgebiet auf 400 Meter.
Blick vom La Cumbre Pass auf die Abfahrt in die Yungas Blick vom La Cumbre Pass auf die Abfahrt in die Yungas
Die Straße in die Yungas nach Coroico wird auch die Straße des Todes genannt. Ungefähr 100 Tote sind jährlich zu beklagen. Ein Fahrfehler bedeutet hier fast automatisch den Sturz in die Tiefe. Der tiefste Abhang ist über 1000 Meter tief. Vor wenigen Wochen ist hier ein 4-köpfige Familie abgestürzt. Als man die Leichen bergen wollte, fand man noch 2 weitere Motorradfahrer. Die Straße ist zwar inzwischen entschärft, man darf nur in eine Richtung fahren. Von 7-15 Uhr nach unten und von 17 - 5 Uhr nach oben, trotzdem passieren immer noch viele Unfälle. Vor allem gibt es keine Leitplanken und die Strasse ist nicht asphaltiert.
Abfahrt nach Coroico entlang des Hangs Abfahrt nach Coroico entlang des Hangs
Martina und der Abhang Martina und der Abhang
Das Problem war, das man nicht gemerkt hat, wann es steil wird. Bei einzelnen Passagen hat man sich kaum getraut nach links zu schauen, dort war dann einfach nichts mehr.
Bei Coroico Bei Coroico

In Coroico auf 1500 Metern mieteten wir uns im wunderschönen Sol y Luna ein. Es gab ein Schwimmbad, üppige Natur, Büchertausch und ein gutes Restaurant. Die Temperatur war optimal und wir genossen die Ruhe. Als wir gerade auf der Terasse beim schmökern saßen, gab es plötzlich aufgeregte Schreie. Keine 3 Meter hinter uns, wollte sich gerade eine Klapperschlange ins Haus schleichen. Einer der Küchenangestellten hat das Tier dann erschlagen. Wir hatten gemischte Gefühle. Einerseits waren wir froh, das Tinka die Schlange nicht entdeckt hat, das wäre wohl böse ausgegangen, doch den tot hat die Schlange auch nicht verdient. Danach ging Tinka jedenfalls nur mit Begleitschutz pinkeln und wir schauten ganz genau wo wir hintraten.

Die Höllenfahrt

Nach unserer Fahrt von Sucre nach Cochabamba hatte ich genug von den Pisten. Dort musste ich Staub schlucken wie noch nie und es hat mir ein Radlager zerstört. Doch Martina fand auf der Karte die Strecke Coroico - Guanay - Mapiri - Sorrata und von dort wieder aufs Altiplano ansprechend. Für mich sah die Strecke ziemlich pistig aus aber gut, wenn Frau will...

Zwischen Guanay und Mapiri, kurz vor einer Flussdurchfahrt Zwischen Guanay und Mapiri, kurz vor einer Flussdurchfahrt

Die Yungas zeigten sich von ihrer schönsten Seite. Grüner Dschungel, in der Ferne die hohen Anden doch die Piste war wie erwartet staubig, eng und holprig. Von Coroico benötigten wir 2 Tage bis Guanay, einer Goldgräberstadt. Dann ging es weiter nach Mapiri. Die Strecke ist sehr einsam, da die Leute in der Regel von Guanay nach Mapiri mit dem Boot fahren. Nach 4 Stunden kamen wir in einem Dschungeldorf an, vorher mussten wir noch durch einen Fluß (siehe Bild oben). Dort fragten wir, wie der Weg nach Mapiri weiterging. Die Leute sagten: Muy malo (sehr schlecht). Ich sagte: Der Weg bis hierher war ziemlich "malo". "Nein" sagte man. "El Camino hasta aqui es bonito" (Der Weg hierher ist supergut). Ach du Scheiße, was erwartet uns da?

Jedenfalls war der Weg wirklich sauschlecht: verblockt, Schlammdurchfahrten, steil und schräg, was einem erst als Gespannfahrer auffällt. 

Hotel in Mapiri Hotel in Mapiri
In Mapiri kamen wir in einem hübschen Hotel unter und wir erkundigten uns nach dem weiteren Verlauf der Piste. Die Antwort war einhellig: Muy malo! Besonders eine Flußdurchquerung soll sehr tief sein. Die Angaben reichten von Knie- bis Halshöhe. Jedenfalls zu tief für uns. So ein Mist, was jetzt? Umdrehen? Wir erkundigten uns am Fluß, ob man uns irgendwie übersetzen könnte, aber das Gespann war für die Boote zu groß.
Der Fluß Der Fluß
Die einzige, die wirklich Spaß am Fluß hatte, war Tinka, schließlich war es richtig heiß und sie konnte sich hier wunderbar abkühlen.
Tinka am Fluß Tinka am Fluß

Trotzdem fuhren wir zu der Stelle, wo sich die Furt befand. Der Fluss war ca. 30 Meter breit und ich wadete mindestens 5 mal durch. Doch die Strömung war stark und das Wasser ging mir bis Mitte Oberschenkel. Zu tief, der Motor würde komplett versinken. Gerade faßten wir schweren Herzens den Entschluß umzudrehen, da kam ein Laster mit großer Ladefläche des Weges. Wunderbar. 3 Minuten später waren wir uns handelseinig. Mit 4 Mann wuchteten wir das Gespann und Martinas Maschine auf den Truck und überquerten den Fluß. Dummerweise fuhr der Fahrer zum einfachen abladen in das sandige Flußbett und wir brauchten dann weitere 3 Stunden, bis der Laster wieder freigeschaufelt war.

Für uns ging die Fahrt aber in die entscheidende Phase. Es hieß, daß noch ein weiterer Fluß kommt, zwar nicht ganz so tief aber immer noch ziemlich. Der kam tatsächlich. Irgendwie sah er harmlos aus. Ich stieg aufs Martinas Maschine und fuhr los. Im letzten Drittel blieb ich dann stecken. Der Vergaser zur Strömung hatte Wasser gezogen und Tschüß. Martina mußte auch ins Wasser und wir konnten zusammen die BMW rausschieben. Nach dieser mißlungen Aktion machte ich mir schon mehr Kopfzerbrechen übers Gespann. Aber es half nichts, kein Laster weit und breit, also rein ins Geplätscher. Mit großem Karacho fuhr ich in den Fluß und ... genau bis zur Mitte, wo die Strömung am stärksten war und der Fluß am tiefsten, dort blieb ich stecken. Mir wich die Farbe aus dem Gesicht, wußte ich doch, daß mein Vorgänger den Motor so ziemlich auf diese Art zerstört hat. Ich blieb am Gas, und betete das der Motor nicht ausging, schließlich war der Auspuff ca. 10 cm unter Wasser und wenn er ausging, würden mir die Zylinder mit Wasser vollaufen. Martina stand schon hinter mir und drückte, doch die Kiste wollte keinen cm vorwärts. Ein paar Meter entfernt, schauten uns ein paar Bolivianer gelangweilt zu, wie wir um des Gespannes Motor kämpften. Ein wütender Schrei von mir, bewegte dann endlich Einen dazu, sich gemütlich die Schuhe auszuziehen, die Hose hochzukrempeln und uns dann beim schieben zu helfen. Mon Dio. Endlich war die Fuhre aus dem Wasser. Noch mehr so Aktionen und wir sind reif für die Kur.

Das Elend war noch nicht vorbei. Die Piste hatte alles zu bieten was keinen Spaß macht: verblockt, Schlammdurchfahrten, steil und schräg. So schräg, das ich meinen linken Koffer an einem Stein zerknüllte und sich meine Schaltgabel vom stetigen anblocken nach hinten bog.

An einer recht engen Stelle mußte ich anhalten um Benzin nachzuschütten. Ausgerechnet da kam mir ein Fahrzeug entgegen und ich mußte ganz nach rechts an den Abgrund. Während ich an meinen Kanistern rumfuchtelte hörte Martina ein Knacken. Tinka hält sich mit allen vieren gerade so im Gestrüp, was an der senkrechten Wand wächst. Unter ihr geht es mindestens 100 Meter runter. Sie kann Tinka in letzter Sekunde am Hals packen und wieder nach oben ziehen. Der Schreck sitzt uns tief in den Knochen.

Tinka am Abgrund Tinka am Abgrund (Ist aber nicht die Stelle wie im Text beschrieben)
Kurz vor Sorrata nach 10 Stunden Fahrt, kommt mir auch noch ein Hell Driver auf der falschen Seite entgegen, eine Vollbremsung katapultiert mich um ein Haar in die Tiefe. 5 cm vor der Kante bleibt die Fuhre stehen. Jetzt bin ich wirklich reif für die Kur.
Sorrata. Im Hintergrund der 6400 Meter hohe Illampu Sorrata. Im Hintergrund der 6400 Meter hohe Illampu
Zum Glück ist Sorrata ein superschön gelegener Ort und hier können wir unsere Wunden lecken. Martina meinte jetzt nur noch: "Von den kleinen Gelben auf der Landkarte, sollten wir  jetzt mal eine Weile die Finger lassen".
Yungas-Karte Yungas-Karte
Sieht doch harmlos aus, oder?
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